STARK MACHEN – Plakatwettbewerb

Plakatentwurf im Rahmen von STARK MACHEN

Ich persönlich hatte bisher in meinem Leben nur wenig Schnittpunkte mit häuslicher Gewalt beziehungsweise mit Opfern von häuslicher Gewalt. Es gab allerdings ein sehr prägendes Erlebnis für mich. Damals habe ich in Leipzig gewohnt, und eines nachts bin ich aufgewacht durch starken Lärm – Nachbar*innen, die sich streiten. Ich konnte erst nicht orten, von wo der Lärm kam. Das hat eine ganze Weile gedauert. Es kam von der Wohnung unter mir. Dort wohnte eine Familie mit drei Kindern – sie hatten eine kunterbunt angestrichene Wohnungstür, wirkten recht alternativ, der Mann war Künstler, organisierte multikulturelle Feste und war immer freundlich, wenn wir uns auf dem Flur begegneten. Und jetzt war da mitten in der Nacht dieser höllische Lärm von der netten Familie nebenan. Und ich war total überfordert damit. Bilde ich mir das nur ein? Diskutieren die nur laut, weil sie etwas zu viel getrunken haben? Warum sind meine Mitbewohner gar nicht wach? Und auch sonst niemand? Ich war total allein mit der Situation, jetzt die Verantwortung dafür zu übernehmen. Rufe ich die Polizei? Gehe ich mal unten klingeln, und frage, ob alles in Ordnung ist? Wecke ich meinen Mitbewohner? Eigentlich habe ich Angst und will mich nicht einmischen oder damit beschäftigen. Es geht mich doch gar nichts an. Aber wenn doch was passiert? So ging das die ganze Nacht und ich war nicht fähig, von meiner Grübelei zur Aktion überzugehen und zum Hörer zu greifen. Ich weiß gar nicht mehr, ob irgendwann jemand anderes die Polizei gerufen hat, ob ich einfach eingeschlafen bin oder was noch passiert ist. Ich weiß nur, dass ich am nächsten Morgen völlig aufgelöst war und mich wahnsinnig geschämt habe, weil ich nicht den Mut hatte, zu handeln.
Als ich morgens den Hausflur runterging, habe ich einen Gesprächsfetzen aufgegriffen. Hinter der bunten Tür drang eine Frauenstimme hervor »… du kannst nicht den Kopf deines Kindes gegen die Wand schlagen! Das geht nicht!«
Spätestens da wurde mir richtig übel. Von der Agentur aus, in der ich damals Praktikum machte, habe ich dann das Jugendamt angerufen, und mir geschworen, sowas passiert mir nie wieder. Das nächste Mal handel ich sofort.

Das verzwickte an häuslicher Gewalt ist ja, dass sie im privaten Bereich passiert, für niemanden ersichtlich. Oft nur zwischen den Zeilen lesbar. Und selbst wenn es eine eindeutige Situation gibt, wie in meinem Fall der starke Lärm, ist es leider nicht selbstverständlich, dass sofort agiert wird. Ich hab mich nicht getraut, weil ich überfordert war mit der Situation und weil ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, in der man sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischt. Deshalb richtet sich mein Plakat an alle Menschen, die Nachbar*innen sind. Das Plakat soll sensibilisieren für eine Gesellschaft, die sich nicht nur gegen häusliche Gewalt stark macht, sondern auch für eine nachbarschaftliche Zivilcourage.